26.10.2026 / Lesezeit: 3 Minuten
Dr. Daniel Pietzka erklärt im Interview die Hintergründe der Netzausbaumaßahmen bei terranets bw.

Dr. Daniel Pietzka ist verantwortlich für alle Netzausbaumaßahmen bei terranets bw. Am Beispiel der SEL erklärt der promovierte Maschinenbauer die Hintergründe für den Ausbau der Erdgas- und Wasserstoffleitungen von terranets bw.
terranets bw will bis 2029 insgesamt knapp 250 Kilometer Neuleitungen bauen. Wieso braucht es diese Leitungen überhaupt?
Unser Energiesystem befindet sich derzeit in einem grundlegenden Wandel: Einerseits steigen die Anteile erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarstrom kontinuierlich. Andererseits brauchen Gesellschaft und Industrie jederzeit eine zuverlässige Versorgung mit Energie, auch wenn zum Beispiel der Wind nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Neubauleitungen wie die SEL helfen dabei, diese Sicherheit für eine permanente Energieversorgung zu gewährleisten: Sie versorgt unter anderem moderne Gaskraftwerke für eine Stromversorgung in Baden-Württemberg zunächst mit Erdgas und anschließend mit Wasserstoff.
Manche Abschnitte der SEL wurden schon oder werden derzeit gebaut. Andere Abschnitte sollen erst später gebaut. Wie kommt das zustande?
Die SEL bauen wir nicht auf einen Schlag, sondern bewusst bedarfsgerecht abschnittsweise. Es ist vergleichbar mit dem Ausbau eines Straßennetzes: Zuerst werden die Strecken gebaut, die am dringendsten benötigt werden. Andere Abschnitte folgen, wenn der Bedarf entsteht. Übertragen auf die SEL bedeutet das: Die Abschnitte zwischen Heidelberg und Esslingen a. N. werden für den Transport von Erdgas früher für die Energieversorgung benötigt. Die Abschnitte zwischen Lampertheim und Heidelberg oder zwischen Esslingen a. N. und Bissingen bauen wir als reine Wasserstoffleitungen, weshalb sie erst zu einem späteren Zeitpunkt erforderlich sind. Unser Ziel bei einem Netzausbau ist es immer, die öffentlichen und privaten Belange gegeneinander abzuwägen sowie ressourcenschonend und wirtschaftlich zu bauen.
Sie sprechen von einem bedarfsorientieren und wirtschaftlichen Ausbau. Woran orientiert sich terranets bw bei der Entscheidung, welcher Abschnitt der SEL wann gebaut wird?
Die Entscheidung, welche Abschnitte der SEL gebaut werden, treffen wir als Unternehmen nicht alleine. Die Grundlage dafür bildet der bundesweite Netzentwicklungsplan Gas und Wasserstoff der Bundesnetzagentur. Das ist der bedarfsorientierte Plan für eine sichere Energieversorgung in Deutschland und zeigt auf, welche Infrastrukturen zukünftig benötigt werden. Die SEL ist Teil dieser bundesweiten Planung.
Der Aufbau des Wasserstoffmarktes ist ein Ziel, an dem terranets bw gemeinsam mit anderen Netzbetreibern, der Industrie und vielen weiteren Akteuren arbeitet. Was heißt das konkret für Ihre Arbeit?
Die SEL wird die zentrale Versorgungsader für Wasserstoff in Baden-Württemberg und ist Teil des deutschen Wasserstoff-Kernnetzes, welches die Bundesregierung 2024 genehmigt hat. Das deutsche Wasserstoff-Kernnetz ist seinerseits Teil eines europäischen H2-Kernnetzes.
Am Aufbau dieses Kernnetzes arbeiten wir jeden Tag – mit dem Blick auf das große Ganze. Nehmen wir zum Beispiel den Abschnitt der SEL von Esslingen a. N. nach Bissingen: Hier fangen wir bereits jetzt an, die Voraussetzungen für den Bau einer Wasserstoffinfrastruktur zu schaffen. Dazu gehört, die Flächen zu sichern, die für die Realisierung erforderlich sind. Außerdem überprüfen wir die bestehenden Planungen und passen sie bei Bedarf an. Schließlich können sich die Gegebenheiten entlang einer Trasse im Laufe der Jahre verändern, etwa durch neue Nutzungen, bauliche Entwicklungen, Änderungen bezüglich Fauna, Flora und Habitaten oder geänderte gesetzliche Anforderungen. Es ist uns wichtig, Anpassungen der Planungen zu aktualisieren, damit wir nach Bedarf rechtzeitig mit dem Bau starten können. Kurz gesagt: Wir sorgen heute dafür, dass die Grundlagen für eine nachhaltige und sicherer Energieversorgung von morgen rechtzeitig bereitstehen.
Wie blicken Sie auf dieses Ziel und Ihre Arbeit?
Ich sehe darin eine sehr spannende und herausfordernde Aufgabe: Ich gestalte jeden Tag einen Teil der Energieinfrastruktur, die Deutschland für eine nachhaltige Zukunft benötigt. Das ist eine Verantwortung und gleichzeitig eine große Chance. Ende 2026 werden nach einer Bauzeit von 2,5 Jahren 125 Kilometer der SEL fertiggestellt sein, um eine Option für eine nachhaltige Zukunft sicherzustellen. Die Fertigstellung der ersten 125 Kilometer ist für mich und die Beteiligten ein großer Meilenstein, auf den ich mich sehr freue.