"Bodenschutz aus Verantwortung für kommende Generationen"

23.07.2026 / Lesezeit: 2 Minuten

Henry Nwachukwu ist bodenkundliche Baubegleitung auf dem Abschnitt Heidelberg bis Heilbronn entlang der SEL. Im Interview spricht er über seine Aufgaben während der Bauphase, welche Maßnahmen zum Bodenschutz getroffen werden und wie die Funktionsfähigkeit des Bodens wiederhergestellt wird. 

Herr Nwachukwu, wie beschreiben Sie die Rolle eines Bodenschutzkundlers im Kontext von Leitungsbauprojekten, insbesondere beim Bau von Gasleitungen?

In meiner Rolle als bodenkundliche Baubegleitung verstehe ich mich als das fachliche Bindeglied zwischen den Anforderungen des Bodenschutzes und der praktischen Bauausführung. Im Leitungsbau – und gerade beim Bau von Gashochdruckleitungen mit oft mehreren Kilometern offener Trasse durch land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen – sorge ich dafür, dass die im Planfeststellungsbeschluss und im Bodenschutzkonzept festgelegten Maßnahmen vor Ort tatsächlich umgesetzt werden.
Meine Rolle ist beratend, kontrollierend und dokumentierend zugleich. Ich berate Bauleitungen und ausführende Firmen, überwache die bodenschonende Ausführung, etwa den schichtenweisen Bodenabtrag und die getrennte Lagerung von Ober- und Unterboden. Zudem greife ich korrigierend ein, wenn Bodenfunktionen gefährdet werden, z. B. durch Befahren bei zu hoher Bodenfeuchte. Wenn alle Rahmenbedingungen stimmen, gebe ich den Boden für die Arbeiten frei. So berücksichtige ich den Boden als nicht vermehrbares Schutzgut auch unter Bauzeitdruck und schaffe eine sachliche, nachvollziehbare Entscheidungsgrundlage für Bauherren, Baufirmen und Genehmigungsbehörden.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie, um die Bodenfunktionen während der Bauarbeiten bestmöglich zu erhalten?

Zentrale Punkte sind die Vermeidung von Schadverdichtungen, also dass der Boden durch Druck zusammengepresst wird und dadurch in seiner natürlichen Struktur beeinträchtigt wird, und die Vermeidung von Bodenvermischungen. Das gelingt durch einen schichtgerechten Abtrag und getrennte Zwischenlagerung von Mutterboden (A-Boden) und Unterboden (B- und C-Böden) in separaten Bodenmieten. Diese werden mit einer schnellwachsenden Pflanze namens Phacelia begrünt, um den Boden vor Erosion und Vernässung zu schützen. 
Um die Bodenstruktur zu schonen, ist es essenziell, dass Arbeiten und Befahrungen des Bodens ausschließlich bei geeigneter Witterung stattfinden. Zudem nutzen wir Baustraßen und Baggermatratzen, um die Last optimal zu verteilen. Auf diesen befestigten Fahrwegen kommen dabei vorab freigegebene Maschinen zum Einsatz, die exakt auf den jeweiligen Bodenzustand abgestimmt sind.

Wie begleiten und überprüfen Sie die Umsetzung der bodenschonenden Maßnahmen während der Bauphase?

Als bodenkundliche Baubegleitung bin ich täglich auf der Baustelle präsent. Ich begutachte die Umsetzung der im Bodenschutzkonzept festgelegten Maßnahmen. Dabei bin ich fest in den Bauablauf eingebunden, nehme an Baubesprechungen teil und stimme mich laufend mit der Bauleitung ab. 
Bei entscheidenden Arbeitsschritten wie dem Bodenabtrag, der Rückverfüllung, dem Bodenauftrag sowie der Rekultivierung erfolgt meine Freigabe flexibel in Abhängigkeit von der aktuellen Bodenfeuchte. Mein besonderes Augenmerk gilt dabei der Einhaltung der Schichtentrennung, dem Zustand der Baustraßen sowie den eingesetzten Geräten.

Wie gelingt es in der Praxis, Bauverzögerungen zu vermeiden und gleichzeitig den Bodenschutz nicht zu vernachlässigen?

Bodenschutz und Termintreue schließen sich nicht aus, sofern vorausschauend geplant wird. Ein Bodenschutzkonzept, das frühzeitig in die Bau- und Ablaufplanung integriert wird, ist hierfür der Schlüssel, wie etwa das Konzept der SEL. In der Planung spielen Pufferzeiten eine wichtige Rolle, da die Bauabläufe witterungsbedingt immer wieder flexibel angepasst werden. Auch die frühzeitige Einbindung und Sensibilisierung des Baupersonals durch gezielte Unterweisungen tragen maßgeblich zum Erfolg bei.

Wie gehen Sie nach Abschluss der Arbeiten vor, um die Funktionsfähigkeit des Bodens wiederherzustellen? Welche Rekultivierungs- und Nachsorgeschritte sind dabei aus Ihrer Sicht besonders wichtig? Und wie lange sollte die Nachkontrolle dauern – worauf schauen Sie dabei konkret?

Nach Abschluss der Bauarbeiten wird der Boden wieder exakt in der Reihenfolge eingebracht, in der er abgetragen wurde. Zuvor verdichtete Stellen werden tiefgründig aufgelockert, damit der Boden wieder gut durchwurzelbar ist. Im Anschluss sondiere ich als bodenkundliche Baubegleitung die Flächen, um die Entwicklung der Bodenstruktur zu überwachen. Auch die Eigentümer:innen und Bewirtschaft:innen behalten ihre Flächen aufmerksam im Blick. Bei Fragen oder Unklarheiten können sie sich jederzeit an mich oder direkt an terranets bw wenden. Die Nachkontrolle erstreckt sich über mehrere Vegetationsperioden, da sich erst im Laufe der Zeit zeigt, wie gut sich der Boden regeneriert hat. Erst nach der vollständigen Wiederherstellung aller Bodenfunktionen geben wir die Fläche final an den/die Eigentümer:in zurück.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten?

Mir gefällt an meiner Arbeit am meisten, dass ich Fachwissen und Praxis direkt miteinander verbinden kann, denn das Gelernte wende ich jeden Tag unmittelbar auf der Baustelle an. Dort muss man oft schnell Entscheidungen treffen. Mich reizt es, die Balance zwischen Bodenschutz und Bau zu finden, ohne dass eine der beiden Seiten zu kurz kommt. 
Wichtig ist mir, dass Projekte, die für unsere Wirtschaft notwendig sind, keine bleibenden Schäden im Boden hinterlassen. So schütze ich die Böden für die nachfolgenden Generationen.

Herr Nwachukwu, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
 


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